Raúl Avellaneda

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Raúl Avellaneda

Wurde 1960 in Lima / Peru geboren
Kunststudium an der Fakultät für Bildende Künste der Kath.Universität, Lima. Schüler u.a. von             H.J. Psotta

Leitet eine Kreativ –Werkstatt für psychisch Kranke in der Klinik Larco Herrera in Lima

Ab 1982 eigenes Atelier in Lima
Entstehung umfangreicher Gemälde-, Zeichnungen – und Collagefolgen

Zieht sich in den Anden zurück, um das Projekt Peru… ein Traum als Mitglied der Grupo Chaclacayo über sieben Jahre zu erarbeiten

Ab 1989 lebt und arbeitet er in der Bundesrepublik

Beteiligung an den Präsentationen des Ausstellungs – Projekt TODESBILDER – Peru oder Das Ende des europäischen Traums…

Auswahl seiner Ausstellungen ab 1984:

– Lima / Peru, Kunstmuseum
– Stuttgart / Forum für Kulturaustausch
– Bochum / Museum Bochum
– Karlsruhe / Badischer Kunstverein
– Berlin / Künstlerhaus Bethanien
– Berlin / Galerie am Weidendamm
– Herne / Flottmannhallen
– Essen / Galerie KK.
– Köln / Galerie Inge Baecker
– Dresden / Festspielhaus Hellerau
– Essen / Galerie KK.

1995 gründete er die Gruppe Nebelhorn um mit Behinderten und Nichtbehinderten ein künstlerisches Projekt zu erarbeiten, das alle bildenden Ausdrucksmöglichkeiten umfaßt

 

 

Das Wasser der Flüsse, das du berührst,                                                                                                                                         ist das letzte von dem, was schon wegfloß                                                                                                                                 und das erste von dem, was noch kommt:                                                                                                                                     so ist die gegenwärtige Zeit“.                                                                                                                                                      Leonardo

Raúl Avellaneda

Ein Tag im Leben                                                                                                                                           oder                                                                                                                                                                    Ich möchte einen gigantischen Leuchtturm bauen…

 

Am späten Nachmittag mache ich mich auf den gewohnten Weg zur Werkstatt der Gruppe Nebelhorn, die mitten im Weselerwald liegt. Ich fahre durch weite Wiesen und schier endlose Wälder – diese Strecke kommt mir immer wieder lang wie eine Ewigkeit vor.

`Wohin begebe ich mich jedes Mal?´ und `Wonach bin ich eigentlich auf der Suche?´.

Voller Fragen scheine ich eine Reise in unbewusste Gefilde anzutreten, auf deren Route sich die verschiedenen Wirklichkeiten allmählich wie durch Geisterhand von selbst auflösen.

Das Gelände des Lühlerheims ist von Feldern und baumumstandenen Landstraßen umgeben – für etwa hundert Nichtsesshafte Menschen wurde es zu einer neuen Bleibe. In dieser fernab liegenden, beinahe verborgenen Gegend hat die Gruppe Nebelhorn einen Ort gefunden, wo sie mit der Arbeit an ihrem künstlerischen Projekt, die vor über fünf Jahren ganz woanders begann, weitermachen kann.

Beim Betreten der Werkstatt überkommt mich ein Gefühl unerklärlicher Einsamkeit, als wäre die Zeit hier irgendwann stehengeblieben. Ich mache das Licht an und schaue um mich her: eine Fülle von Zeichnungen und Malereien, viele unterschiedliche Objekte, Fotografien, Skulpturen sehen mich an – Spuren hartnäckiger Auseinandersetzungen und unaufhörlicher Suche, Zeugen vieler vertraulicher Gespräche. Als ob auch all diese Dinge mich fragen würden: `Und was geschieht jetzt, heute …?  `Alles wartet auf ein, übergeordnetes´ Ereignis, so kommt es mir wenigstens vor – wie unruhig verstreute, aber bekannte Melodien, die versuchen wollen, sich zu einem musikalischen Ganzen zusammenzufinden.

Ich bin noch in diese Gedanken versunken, da kommen schon die ersten Besucher an; der Raum füllt sich mit ihrer Lebendigkeit, die sich augenblicklich allen anwesenden Dingen mitteilt. Überhaupt wird dieses starke Bedürfnis nach Mitteilung sofort überall spürbar – langsam verbreitet sich frischer Kaffeeduft, irgendwoher tönt leise Musik, mehr und mehr entsteht eine verwandelte Atmosphäre, die zur schöpferischen Arbeit geradezu herausfordert. Allmählich werden die Gespräche weniger: jeder fühlt sich von den kreativen Impulsen, die von der vertrauten Umgebung ausgehen, angeregt und zieht sich auf sich selbst und sein ganz persönliches Vorhaben zurück.

Einige sind am Boden mit riesigen Zeichnungen beschäftigt, die sie mit feinen schwarzen Linienstrukturen bedecken, andere tragen gewichtige Sachen herein, um Metallskulpturen zu konstruieren, ein Grüppchen unterhält sich noch weiter bei einer Tasse Kaffee und unsere zahme Katze wird von jemandem unter dem Tisch mit Futter versorgt. Ich höre befreites Lachen, aber öfter auch traurige Stimmen, die von den Begebenheiten des Alltags draußen erzählen…

Lautes Schlagen auf ein Blatt Papier -doch in einer stillen Ecke beendet jemand fast verschwiegen ein Bild, zum erstemal in seinem Leben: ein zart-farbiges Blumenornament ist entstanden.

Hin und wieder wird mein Name gerufen – da gibt es sicher ein ungelöstes Problem. Manchmal tauchen ungewisse Fragen auf, die schwierig zu beantworten sind; aber auch selbstbewusste Überlegungen werden angestellt: Wie kann ich in meinem Bild das Licht zum Leuchten bringen? Ist es wohl möglich, `Schmerz´ darzustellen? Sag´ mir bitte wie ich anfangen soll, weil ich doch niemals vorher eine Zeichnung machte! Meinst du, daß meine Arbeit schon fertig ist? Ich möchte einen gigantischen Leuchtturm bauen, der die Farben des Prismas aufstrahlen läßt, um unseren ganzen Garten damit zu erhellen.

Ich fühle, wie sich die Nebelhorn-Werkstatt nach einigen Stunden intensiver Arbeit völlig verändert hat. Eine starke Energie ist an allen Stellen freigelegt worden, die wie in einer ungezügelten Flut jede gewohnte Begrenzung widerstandslos überwindet.

Ermüdet von diesem Tag finden wir uns noch zu einem kleinen `Abschiedsessen´ zusammen – ein wenig Kerzenlicht, die Gespräche sind jetzt noch verhaltener geworden, das Vorgefühl von der baldigen Heimfahrt holt uns langsam aus einem phantastischen Traum zurück – die Erinnerung an ihn wird uns wohl in den kommenden Tag begleiten.

Es ist Nacht geworden. Das Schweigen hat sich erneut über die Nebelhorn-Räume gelegt. Ich gehe noch einmal an Tischen und Staffeleien entlang, mache das Licht wieder aus – als wäre dies auch der erste und letzte Tag in einem Leben gewesen. Oder vielleicht ein Wettlauf gegen die Zeit…

Schermbeck, 2001